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Giottos Himmel (Teil 1)

Als Lana am Vorabend ihres Geburtstages endlich die Augen zufielen, trommelte ein heftiger Spätsommerregen gegen die schrägen Scheiben ihrer Dachkammer. Lana liebte Regenschauer in der Nacht. Sonnenschein konnte man nachts ja sowieso nicht nicht sehen, aber den Regen konnte man hören und fühlen und riechen, und sein steter Rhythmus wiegte sie langsam in den Schlaf. „Außerdem“, so dachte sie bei sich, „kann es schließlich nicht immer regnen. Je mehr es jetzt gießt und schüttet und pladdert und in Sturzbächen herunterkommt, desto weniger Regen ist für morgen übrig.“ Aber sie hatte den Satz kaum halb zuende gedacht, da war sie schon eingeschlafen. Denn wenn sie etwas gut konnte, so hätte Bauer Rustikus mit seinem verschmitzten Grinsen gesagt, so daß man nie ganz genau wußte, ob er es im Ernst oder aus Spaß meinte, dann war es schlafen.

Das erste, das Lana am frühen Morgen hörte, war Regen. Es regnete tatsächlich immer noch. Es prasselte unablässig gegen das Fenster, und hier und da hörte sie kleine Einschläge. Bonk, machte es auf den verdutzten Dachschindeln, und, Padabonk, jetzt zwei-, dreimal auf der Terrasse. Lana sprang auf. Denn wenn sie etwas gut konnte, so flüsterte sie sich selbst zu, dann war es aufspringen. Lana sprang auf und war mit wenigen Sätzen am Fenster. Tatsächlich, es prasselte. Der Regen klatschte in dicken Tropfen gegen die Scheibe und lief in Schlieren an ihr herunter. „Es regnet Bindfäden“, stellte Lana erstaunt fest, und zwischendurch kamen Hagelkörner so groß wie Tennisbälle hinunter und fielen, Bonk, auf das Dach oder, Padabonk, auf die Veranda.

„Hagelkörner so groß wie Tennisbälle“, dachte Lana, „Himmel, dabei spielt Bauer Rustikus überhaupt kein Tennis.“ Mit zwei, drei Schritten war sie an der Treppe und stürmte die hölzerne Stiege hinunter. Bauer Rustikus wurde es immer ganz mulmig, wenn sie in diesem Tempo die Treppe hinunterraste. Aber Gray Skin hätte gesagt, wenn Lana etwas kann, dann ist es Treppen hinauf- und hinabrennen wie eine Bergziege bei Vollmond. Lana war sich nicht sicher, wie Bergziegen sich bei Vollmond wirklich verhalten, aber sie wußte ganz genau, was Gray Skin meinte.

Sie fegte die Treppe hinunter – und hätte dabei drei bis vier Bergziegen locker überholt –, sah sich im Wohnzimmer um, menschenleer, und lief nach draußen. Dort waren Bauer Rustikus und Gray Skin schon bei der Arbeit. Rustikus räumte die Bindfäden aus dem Weg, die es noch immer unablässig regnete, und wäre dabei ordentlich ins Schwitzen gekommen, wenn er nicht schon so naß gewesen wäre. Er rollte die Bindfäden sorgfältig auf große Spulen von Seemannsgarn, die ihm sein Bruder Kuddel vor Jahren einmal von Übersee mitgebracht hatte. „Er nimmt aber auch immer alles zu wörtlich“, dachte Lana sich noch.

Währenddessen stand Gray Skin im Kräutergarten und paßte auf, daß es dem Bauern nicht die Petersilie verhagelte. Aber immer wenn einer der Hagelkörner auf ihn zuraste, duckte er sich weg, ließ ihn auf dem Beet einschlagen und zuckte anschließend verlegen mit den Achseln. Jetzt wieder. Zum Glück traf es nur die Radieschen, die Petersilie blieb verschont. Außerdem war der Hagel höchstens so groß wie ein Tischtennisball, dachte Lana erleichtert. Denn im Tischtennis machte dem Bauern Rustikus so leicht keiner etwas vor.

„Gray Skin“, rief Lana so laut sie konnte in den regnerischen Morgen, „Gray Skin“. Der Esel schaute hinüber, und ein Lächeln breitete sich über seinen Mund aus. Welch ein Bild, dachte Lana, ein breit grinsender Esel im strömenden Regen im Kräutergarten, und sie mußte laut lachen. Wenn sie etwas konnte, dann war das ganz bestimmt lachen. Padabonk.

„Gray Skin“, Lana ruderte mit ihrem Armen, und Gray Skin ruderte mit seinen Hufen zurück, „Gray Skin, ich habe doch heute Geburtstag. Weißt du denn nicht mehr?“

Plötzlich stand Gray Skin wie angewurzelt mitten zwischen den Radieschen, dem Liebstöckl, dem Basilikum, dem Rosmarin und der noch unversehrten Petersilie. Es war ihm klar, daß er bisweilen ein, zwei Dinge vergaß oder verwechselte. Wenn er etwas gut konnte, so meinte Bauer Rustikus in solchen Situationen kopfschüttelnd, dann war es, das Offensichtliche zu übersehen. Aber daß ihm das ausgerechnet an Lanas Geburtstag passierte, überraschte ihn dann doch. Wahrscheinlich hatte Rustikus ihn zu früh geweckt. Wie soll man sich denn auch auf irgendetwas konzentrieren können, wenn man vor zehn Uhr morgens aus den Federn muß. Vielleicht, so hätte der Bauer ihm entgegnet, war er auch nur zu spät ins Bett gegangen. Aber das war eine andere Geschichte.

Lanas Geburtstag, aber klar. Daß ihm das nicht sofort eingefallen war. Er schüttelte seinen Kopf, und ein Esel der im strömenden Regen im Kräutergarten seinen Kopf schüttelt, ist nun wirklich ein zu komischer Anblick. Lana schüttelte sich vor Lachen.

An Lanas Geburtstag – und das war das Besondere – hatte der Esel Gray Skin nämlich Zauberkräfte. Er wußte nicht so genau, was er alles damit tun konnte, aber ganz gewiß konnte er Lana Wünsche erfüllen. Daß es endlich aufhören möge, Bindfäden zu regnen und Regen zu regnen und vor allem tischtennisballgroße Hagelkörner zu hageln, stand sicherlich ganz oben auf ihrer Wunschliste. Also konzentrierte sich Gray Skin auf die Petersilie, Quatsch, auf Lana und dachte sich das ganze Unwetter einfach weg.

Daß es tatsächlich so einfach war, verblüffte ihn immer wieder. Aber an Lanas großem Tag sollte ihn eigentlich nichts mehr wundern. Der Regen hörte auf zu fallen, die Bindfäden lösten sich in Luft auf, und der Hagel war ebenfalls verschwunden. Mit einem einzigen großen Eselsaugenzwinkern. Dann muß Bauer Rustikus eben wieder normale Tischtennisbälle nehmen, dachte sich Lana noch, stürmte aber schon mit Riesenschritten auf ihren Freund Gray Skin zu.

Die beiden fielen sich in die Arme, und Gray Skin hatte eine Idee, was er ihr zum Geburtstag schenken könnte. Manchmal vergaß oder verwechselte er ein paar Kleinigkeiten, zugegeben, als Esel konnte er sich das schließlich auch leisten. Aber wenn es darum ging, ausgefallene Ideen zu haben und sie auch in die Tat umzusetzen – denn was nutzten Ideen, wenn man sie nicht umsetzte –, dann konnte ihm so leicht keiner das Wasser reichen. Auch das Regenwasser nicht. Bei dem Gedanken äugte Gray Skin ein wenig ängstlich gen Himmel, aber der strahlte in seinem strahlendsten Geburtstagsblau. Der Zauber hielt.

„Hör zu“, gab Gray Skin Lana zu verstehen (was völlig unnötig war, denn Lana hörte immer zu, wenn Gray Skin mit ihr sprach), „hör zu …“ – „Ich habe schon beim ersten Mal zugehört“, unterbrach ihn Lana. Aber Gray Skin ließ sich nicht beirren. „Hör zu …“ – „Nun höre ich schon zum dritten Mal zu“, sagte Lana, „wenn du willst, höre ich auch vier- oder fünfmal zu, aber nun sag endlich, was ich hören soll“, rief sie ungeduldig. Aber dabei überstrahlte ihr Lächeln das Geburtstagsblau des Himmels, und die beiden fingen an, umeinander herumzutanzen und aus purer Lust am Leben zu singen: Hör mir zu, ich hör dir zu, na, hörst du schon, ja, jeden Ton, ich hör dir zu, du hörst mir zu, ich sag’s im Nu, jetzt hör schon zu.

„Was denn?“ frage Lana schließlich ganz außer Atem. „Was?“ fragte Gray Skin zurück. „Was willst du mir erzählen?“ frage Lana. „Ich?“ fragte Gray Skin. „Ja, du, hör doch zu“, sagte Lana. „Ach so“, sagte Gray Skin und blieb zum zweiten Mal an diesem denkwürdigen Morgen wie angewurzelt im Kräutergarten stehen. Einen Strauß Petersilie mit ein bißchen Liebstöckl und noch einen Bund Gray Skin dazu, schoß es Lana durch den Kopf.

„Ich habe“, sagte Gray Skin feierlich, „ein Geburtstagsgeschenk für Dich“.